Galerie Eva Presenhuber – Valentin Carron

Galerie Eva Presenhuber freut sich, eine zweite Zürcher Galerie im kulturellen Zentrum der Stadt zu eröffnen. Die Eröffnungsausstellung an der Rämistrasse 33 zeigt neue und bedeutende Skulpturen und Wandarbeiten des Schweizer Künstlers Valentin Carron.

Scritto da Zero Zurich il 9 gennaio 2020

25. Januar bis 29. Februar 2020
Vernissage am Freitag, den 24. Januar, 11.00 bis 18.00 Uhr
Rämistrasse, Rämistr. 33, CH-8001 Zürich

In seinen Skulpturen und Collagen imitiert Carron traditionelles Handwerk, unbekannte Kunstwerke und klischierte Formen der Moderne und des Alltags. In der Aneignung dieser Objekte und Stile stellt er Originalität, Authentizität und Identität in der globalisierten Welt in Frage. Er reformuliert Handwerk vor allem aus seiner Schweizer Heimat, indem er natürliche Materialien wie Holz durch synthetische ersetzt. Umgekehrt beauftragt er gut ausgebildete Handwerker damit, wertige Arbeiten herzustellen, die billige Industriematerialien imitieren. Beide Methoden tragen etwas Ironisches in sich: Inkarnationen der romantisch pastoralen Schweiz werden aus Industriematerialien gefertigt, während traditionelles Handwerk genutzt wird, um Arbeiten zu schaffen, die zwischen Dekoration und Kitsch oszillieren.

Für die Ausstellung hat Carron neue Skulpturen hergestellt, die in allen vier Räumen der neuen Galerie gezeigt werden. In ihnen setzt er sich mit Handwerk in der Alltagskultur und mit der Souvenir-Industrie auseinander. Eine Wandarbeit, die sich über beide Stockwerke erstreckt, besteht aus einer falschen Wand, die aus falschen OSBPanelen hergestellt ist und eine Klammer um die Ausstellung bildet.

Für die Wandarbeit beauftragte Carron einen Spezialisten für Trompe-l’oeil-Malerei damit, die hölzerne Struktur von OSB auf MDF-Panelen nachzuahmen. Die Arbeit bringt Carrons OEuvre genau zum Ausdruck und wirft die Frage auf, was man für Kunst hält und was nicht. MDF ist ein günstiges Material, das oft für Wände in Läden oder auf Messen verwendet wird. Diese Wände mit einer falschen Struktur zu bemalen, spielt auf die Technik Scagliola an, die im 17. Jahrhundert entwickelt wurde, um eine günstige Alternative zu Marmorwänden herzustellen. Eine Stuck-Substanz bedeckt die Wände und Säulen und gibt ihnen den Anschein teuren Marmors.

Heute werden OSB-Panele oft benutzt, um Wanddekorationen und Möbeln den rauen Charme von Lofts, Ateliers und improvisierten Ausstellungsräumen zu geben. Im Gegensatz zum falschen Marmor beim Scagliola ist das bemalte MDF allerdings keine kostengünstige Möglichkeit ein teures Material zu ersetzten. Stattdessen wird ein billiges Industriematerial, das in jedem Baumarkt erhältlich ist, durch ein analoges Material ersetzt, das aber mit einer komplizierten Technik bemalt wurde, die ebenso arbeits- wie kostenintensiv ist.

Die neuen Skulpturen zeigen Carrons typische ironische Haltung, die eine detaillierte und empathische Beobachtung seiner Umwelt voraussetzt. Zu seinen Motiven gehören dekorative und oft kitschige Formen, mit denen öffentlicher Raum gemütlicher und schöner gestaltet werden soll. Die Formen scheinen miteinander verwandt zu sein und man könnte auch beim Reisen auf sie stoßen, oder während man im Internet durch die Urlaubsbilder anderer scrollt. Unter ihnen sind sechs Figuren in einem Reigen als Teil eines folkloristischen Rituals. Der Tanz könnte ein Gebet sein oder Werte wie Solidarität repräsentieren. Eine weitere Figur ist ein Blatt, das an einer zarten Spirale hängt. Diese Spirale erinnert an eine Nautilusmuschel und die unzutreffende Aussage, dass ihre Krümmung unabhängig von ihrer Grösse genau in ein goldenes Rechteck passt. Ebenfalls Teil der Ausstellung sind geflieste Kreuze — eine der zentralen Formen in Carrons Werk. Es handelt sich um Formen, denen man im Alltag normalerweise keine Aufmerksamkeit schenkt.

Während einige der Formen insofern typisch Carron sind, dass sie bekannt wirken, aber in einen unklaren Kontext eingebunden sind, ist das Saxophon aus Kupfer ein reines Selbstzitat. In vorangegangen Arbeiten eignete sich Carron zerdrückte Blasinstrumente an, die er als ironische Wanddekoration in einer Musikbar gefunden hatte. Er kaufte ähnliche Instrumente, zertrat sie mit den Füßen und produzierte daraus Kopien aus Bronze — und verwandelte so ein weiteres Mal billige Objekte in Skulpturen aus einem hochwertigen und wertvollen Material. Diese Form von körperlicher Arbeit — wie das Zertreten der Instrumente mit den Füßen — schlägt sich auch in einer Arbeit nieder, die an einen ausgestreckten Arm mit einer Hand an jeder Seite erinnert und der sich über zwei Wände zieht. Die Arbeit ist in der Hautfarbe des Künstlers lackiert und die Hände tragen fingerlose Handschuhe,ein Motiv das in Filmen oft als Accessoire von Bohemiens genutzt wird und die der Künstler selbst gerne trägt. Das Saxophon in der Ausstellung ist intakt und sticht aus den Stahlskulpturen heraus. Es ist, als hätte Carron eine vorangegangene Arbeit „repariert“, indem er das „Original“ in unversehrter Form ausstellt — dabei ist Originalität eine Kategorie, die in Carrons Kosmos nicht existiert.

Auch die Wandarbeit hat Carron nicht unberührt gelassen und selbst mit einer handelsüblichen Säge installiert. Die falsche Wand ist dadurch nicht perfekt geplant und installiert und trägt stattdessen Spuren des amateurhaften Arbeitsprozesses – als wüsste der Künstler selbst nicht, ob die Panele Produkt eines hochelaborierten Kunsthandwerks sind oder einfach nur im Baumarkt gekauft wurden. Genau dieser letzte Handgriff gibt der Arbeit die perfekte instabile Unsicherheit, die Carrons Werke charakterisiert.

Valentin Carron wurde 1977 in Martigny in der Schweiz geboren, wo er lebt und arbeitet. Jüngste Einzelausstellungen fanden statt in Museen wie Galerie Art & Essai, Rennes, FR (2018), im Centre d’edition contemporaine, Genf, CH (2016); in der Kunsthalle Bern, Bern, CH (2014); im Palais de Tokyo, Paris, FR (2010); im La Conservera Centro de Arte Contemporáneo, Ceuti/Murcia, ES (2009); in der Kunsthalle Zürich, CH (2007). 2013 repräsentierte Carron die Schweiz auf der 55. Biennale von Venedig. Zu seinen jüngsten Gruppenausstellungen in bedeutenden Museen gehören Konkrete Gegenwart, Jetzt ist immer auch ein bisschen gestern und morgen, Haus Konstruktiv, Zürich, CH (2019); Spring Sale Time, Centre d’Edition Contemporaine, Genf, CH (2019); SI ONSITE, Swiss Institute Contemporary Art, New York, US (2018); Coup de Foudre, Maison van Doesburg, Meudon, FR (2017); On half a tank of gas, Swiss Institute Contemporary Art, New York, US (2017); La velocità delle immagini, Istituto Svizzero di Rome, Rom, IT (2016); Work Hard: Selections by Valentin Carron, Gruppenausstellung kuratiert von Valentin Carron, Swiss Institute Contemporary Art, New York, US (2015).

Tillmann Severin

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