Ad could not be loaded.

gio 16.04 2026 – dom 06.09 2026

Fast ein Paradies

Dove

Museum Rietberg
Gablerstrasse, 8002 Zurich

Quando

giovedì 16 aprile 2026 – domenica 06 settembre 2026

Quanto

14.00 - 18.00 CHF

Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst

Wie kann Kunst dazu beitragen, Geschichte vielstimmig zu erzählen? Welche verborgenen Erzählungen tragen historische Bilder in sich? Und wie bringen Kunstschaffende sie heute an die Oberfläche? Mit Fast ein Paradies zeigt das Museum Rietberg eine Gruppenausstellung, die ein Phänomen in der globalen zeitgenössischen Kunst erstmals umfassend beleuchtet. International gefeierte Künstler*innen in Afrika, den Amerikas, Asien, Australien und Ozeanien sowie in ihren Diasporas setzen sich darin mit kolonialzeitlichem Bildmaterial auseinander. Poetisch, kritisch und visionär erkunden ihre Werke, wie Bilder bis heute Identität, Geschichte und Zugehörigkeit prägen – und neu erzählt werden können. Dabei entfalten die Arbeiten eine heilende Kraft, die über historische Kontexte hinausweist und uns alle berührt.

Mit Sammy Baloji (DR Kongo), Raphaël Barontini (Frankreich), Mary Enoch Elizabeth Baxter (USA), Daniel Boyd (Australien), Andrea Chung (USA), Omar Victor Diop (Senegal) & Lee Shulman (UK), Sasha Huber (Schweiz), Yuki Kihara (Samoa), Cédric Kouamé (Côte d’Ivoire), Dinh Q. Lê (Vietnam), Dimakatso Mathopa (Südafrika), Tuli Mekondjo (Namibia), Tshepiso Moropa (Südafrika), Aline Motta (Brasilien), Frida Orupabo (Norwegen), Rosana Paulino (Brasilien), Wendy Red Star (USA), David Shongo (DR Kongo), Zenaéca Singh (Südafrika).

In vier Ausstellungskapiteln von Fast ein Paradies – Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst untersucht eine Gruppe von 20 renommierten Künstler*innen der Gegenwart das fotografische Erbe: als Archivar*innen, als Gegenstimmen zum kolonialen Blick, als Schutzinstanzen oder als erzählerische Kräfte, die verborgenen Geschichten Raum geben. Ihre fotografischen, textilen, filmischen und skulpturalen Collagen erweitern die Grenzen des Mediums und verbinden die Frage nach der eigenen Identität mit gemeinsamer Erinnerung.

Formwandler*innen

Seit der Erfindung der Fotografie wurden weltweit Millionen von Bildern aufgenommen – doch ihr Erbe ist bis heute ungleich verteilt. In vielen Regionen außerhalb Europas fehlen fotografische Zeugnisse, die Antworten über Herkunft, Erinnerung und Zugehörigkeit geben könnten. Ohne Bilder jedoch bleibt ein Teil der Geschichte im Verborgenen. Die Kunstschaffenden im ersten Teil der Ausstellung reagieren auf diese Leerstelle, indem sie eigene Archive aufbauen. In ihren Arbeiten machen sie sichtbar, was überliefert wurde – und was fehlt.

Konfrontation

Kolonisierung und die weltweite Verbreitung der Fotografie verliefen zeitgleich. Die Kamera wurde zu einem Instrument, das die vermeintliche Andersartigkeit von Menschen aus der kolonisierten Welt festschrieb. Solche Bilder zirkulierten massenhaft in Zeitschriften und auf Postkarten und prägen unser globales Bildgedächtnis. Aber Bilder bestimmen nicht nur, wie wir die Welt sehen. Sie diktieren auch, wer wir zu sein glauben. Im zweiten Ausstellungskapitel schöpfen die Kunstschaffenden Kraft und Widerstand aus diesen Klischees. Ausgehend von eigenen Erfahrungen suchen sie alte Bilder auf, dekonstruieren sie und erzählen sie neu.

Fürsorge

Immer wieder bezeugen historische Fotografien Unrecht. Überall dokumentierte die Kamera die Ausbeutung von Körpern und Land. Die hier gezeigten Künstlerinnen und Künstler begegnen den historischen Aufnahmen mit radikalem Mitgefühl: sie greifen in die Bilder ein und versuchen jene zu schützen und zu stärken, denen vor und hinter der Kamera Unrecht widerfuhr. Einige Werke erinnern daran, wie präsent diese Vergangenheit auch heute noch ist und in der Gegenwart fortwirkt.

In the Photo Fantastic

Lücken in der Geschichtsschreibung, Brüche in der eigenen Biografie oder fehlende Informationen über die Porträtierten bilden den Ausgangspunkt des letzten Ausstellungskapitels. Die beteiligten Künstler*innen greifen dabei auf die von Saidiya Hartman entwickelte Methode der kritischen Fabulation zurück – eine Praxis, die historische Leerstellen mithilfe von Vorstellungskraft erweitert. Ausgehend von fragmentarischen Spuren entfalten sie eine spekulative Bildpraxis. Es entstehen Szenen, die zwischen Erinnerung und Fantasie angesiedelt sind. Die Abgebildeten nehmen neue Rollen, neue Stimmen und neue Identitäten an. So entlassen die Kunstschaffenden die Porträtierten in einen Raum voller Möglichkeiten, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander übergehen – und das Paradies für einen Moment greifbar nah erscheint.

Historische Fotografien

Das Museum Rietberg verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Fotografien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, aufgenommen in Afrika und Asien. Darunter finden sich ethnografische und koloniale Bilddokumente sowie Studiofotografien afrikanischer und asiatischer Fotografen. Als feiner roter Faden ziehen sich diese Bilder durch alle Kapitel der Ausstellung. Mehrere Künstler*innen greifen in ihren neu entwickelten Arbeiten auf diese Aufnahmen zurück und machen sichtbar, welche bislang verborgenen Lesarten in diesen Bildern liegen.

In einem gesonderten Ausstellungsbereich veranschaulicht ein eigens produzierter Film, welche Fragen, Perspektiven und Deutungen diese Sammlung hervorbringt. Grundlage dafür war ein Workshop im März 2025, bei dem Kunstschaffenden, Wissenschaftlerinnen und Kuratorinnen die fotografischen Bestände des Museums gemeinsam befragten.

In diesem Raum können Besucher*innen auch über ihre eigenen Fotografien nachdenken: Was erzählen Bilder über unsere Geschichte und Erinnerungen? Wie verändert das Betrachten von Fotografien unser Erinnerungsvermögen? Menschen aus Zürich haben Einblicke in ihre privaten Alben gewährt und ihre Geschichten geteilt. Dieses persönliche Bildarchiv wird während der Ausstellung kontinuierlich erweitert und schafft einen Raum für visuelle Vielstimmigkeit.

Scritto da Zero Zurich